Eröffnungseröffnung mit einer Einzelausstellung des Künstlers Radu Comsa
Threshold
Tamara Turliun & Nina Laguta
21.11.2025-20.02.2026
Kuration und Text von Alica Sänger
Galerie Schugar Rotariu
In der Ausstellung Threshold spüren Nina Laguta und Tamara Turliun dem materiellen Leben verlassener Gebäude nach. Vor dem Hintergrund von Vertreibung, Umbrüchen und langsam vergehender Zeit fragen die Arbeiten danach, was geschieht, wenn menschliche Präsenz zurücktritt. Wenn Putz sich zu lösen und Metall zu rosten beginnt, ist ein Haus nicht mehr nur Kulisse für menschliche Geschichten. Stattdessen tritt seine Materialität hervor: Materie zeigt sich weder als tot noch als neutral, sondern folgt ihren eigenen Tendenzen und Kräften.
Orte, die einst als Schutzraum für Menschen gebaut wurden, bieten allmählich anderen Formen des Lebens Raum, wenn Insekten Mikro-Routen anlegen und Pflanzen die Ränder von Fundamenten erschließen. Anstatt eine Geschichte von Verlust oder Wiederherstellung zu erzählen, verweilt die Ausstellung in diesem Dazwischen. Die Schwelle („threshold“) erscheint dabei nicht als Ein- oder Ausgang, sondern als Zustand – als Sensibilität für das mehr-als-menschliche Nachleben von Architektur und für jenen schwebenden Moment, in dem Wohnen und Erinnerung in Umwelt und Ökologie übergehen.
Lagutas keramische Wesen – irgendwo zwischen Schmetterlingen und embryonalen Formen – sitzen auf den Sockeln, als wären sie gerade gelandet und nun im Prozess, sie sich anzueignen. Aus Ton und Porzellan geformt, vereinen sie unterschiedliche Erden und Brenntemperaturen in einem einzigen fragilen Körper unter einer glasierten Oberfläche. Keramik gilt im Brennofen als schwer berechenbar. Das Material kann brechen, sich verziehen oder verschieben, oft auf eine Weise, die sich der Kontrolle der Künstlerin entzieht. Mitunter wirkt es fast so, als würde es selbst entscheiden, welche Form es am Ende annimmt. In sich trägt es die Erinnerung daran, aus der Erde gewonnen, industriell verarbeitet und im Ofen gebrannt worden zu sein – und zugleich an jenen Moment materiellen Risikos, in dem sich Materie als alles andere als träge erweist. Von der Decke hängen Schnüre aus Stoff, Keramikfragmenten, Wachs und wildem Ton in den Raum, wobei letzterer von der Künstlerin selbst in der Natur gesammelt wird. Sie geraten ins Schwingen, wenn jemand vorbeigeht, und registrieren die Betrachterinnen nicht als außenstehende Beobachterinnen, sondern als wandernde Lufttaschen, als Störung in einem gemeinsamen Kraftfeld. Lagutas Formen führen vor, worauf feministische Theorie besteht: dass Handlungsmacht sich über Körper, Objekte und Atmosphären verteilt und der Mensch stets nur ein Akteur unter vielen ist.
Turliuns Werke drängen in den Raum, als wären es Wurzeln, die durch Wände brechen und aus denen harzähnlicher Saft sickert, während kuppelartige Formen wie Pilze aus den Ecken sprießen. Aus feinen Drahtgestellen und Papiermaché geformt, erscheinen die Skulpturen besonders fragil, und Spuren ihres Entstehungsprozesses, wie das verzogene Papier und der verfärbte Draht, bleiben sichtbar. Die Objekte lassen sich als Kokons, organische Gebilde oder abgestreifte Hüllen lesen. Das pulsierende Licht kleiner LEDs im Inneren lässt an eine langsame, eingeschlossene Tätigkeit denken, als würde sich unter ihrer Haut ein eigener metabolischer Prozess vollziehen. In den Leuchtkästen vertiefen Fotografien einer verlassenen Ferienanlage aus Sowjetzeiten in der Region Dnipropetrowsk (Ukraine) diese Aufmerksamkeit für langsame Transformationsprozesse: Ein Ort, der einst dazu diente, Ruhe und Erholung zu regulieren, erscheint nun als Schauplatz gradueller Veränderung, indem die Architektur nach und nach von Pflanzen, Feuchtigkeit und Zeit umgeschrieben wird. Somit wirken die Leuchtkästen weniger wie Monumente als wie Betrachtungsgeräte, die sichtbar machen, wie Holz aufquillt, Fassaden nachdunkeln und Freizeitinfrastruktur zum Träger anderer Verflechtungen wird.
Während die Ausstellung allgemein danach fragt, wie Orte menschlichen Daseins in andere Ökologien übergehen, ist sie zugleich von den Bedingungen in der Ukraine geprägt, wo Landschaften vielschichtige Geschichten von Imperialismus, Ausbeutung, Industrialisierung, erzwungener Migration, nuklearer Katastrophe und anhaltendem Krieg tragen. Es wird deutlich, dass Fragen des Anthropozäns situiert und nicht als universale Erzählung verhandelt werden müssen. Wie die Autorin und Forscherin Asia Bazdyrieva argumentiert, glättet ein unreflektiert übernommenes Anthropozän-Narrativ historische Schichten und blendet aus, dass Land und Menschen in der Ukraine lange als operative Ressource statt als historische Subjekte behandelt wurden. Sperrzonen und Industriegebiete, ebenso wie durch Besatzung oder wirtschaftlichen Zusammenbruch entleerte Städte und Dörfer, tragen diese Spuren. In diesem Kontext machen Wissenschaftler*innen wie Adrian Ivakhiv deutlich, dass sich ökologische Zukünfte und der Widerstand gegen imperiale Aggression in der Ukraine nicht voneinander trennen lassen, sondern zwei Seiten desselben Kampfes um eine bewohnbare Welt bilden. Zugleich weist die Anthropologin Anna Tsing darauf hin, dass Prekarität eine geteilte, wenngleich ungleich verteilte Lebenswirklichkeit ist, in der Weiterleben immer ein Improvisieren in provisorischen Beziehungen bedeutet. Man denke an Pilze, die auf abgeholzten Flächen zwischen Wurzelresten und Schutt neue Gefüge bilden. Aus dieser Perspektive lassen sich die fragilen Ökologien in Threshold nicht als reine Verlustszenarien lesen, sondern als Situationen, in denen Leben durch vorläufige Bündnisse fortbesteht. Vor diesem Hintergrund sind die verlassenen Häuser, auf die sich die Ausstellung bezieht, keine Endpunkte, sondern Schwellen – Orte, an denen die Bedingungen des Zusammenlebens neu verhandelt werden und an denen die Arbeiten von Nina Laguta und Tamara Turliun imaginieren, wie sich Welten neu ordnen, wenn bestimmte Formen menschlichen Daseins wegfallen.
Tamara Turliun | Roots, 2025 | Paper-mâché, epoxy resin, wire. Dimensions variable
Nina Laguta | Butterflies 2025 | Ceramic, recycled porcelain, recycled glass. Dimensions variable
Tamara Turliun | Feathered Ground, 2025 | Digital prints on backlit film, lightboxes, painted plywood frames. | 15,5x22,5cm
Nina Laguta | Butterflies 2025 | Ceramic, recycled porcelain, recycled glass. Dimensions variable